Walburga Litschauer, langjährige Leiterin der Wiener Arbeitsstelle für die Neue Schubert-Ausgabe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, über den Komponisten.
Über Schubert und das musikalische Umfeld.
Litschauer: „Als Mensch ist er sehr schwer wahrnehmbar. Er ist in Wien geboren und aufgewachsen, hat hier gelebt und gearbeitet, ist hier verdorben. Die Schubertzeit ist unter anderem die Geburtszeit des Wiener Walzers. In seinen Handschriften kommt eines seiner bekanntesten Tanzstücke unter drei verschiedenen Titeln vor: als Deutscher, als Ländler und als Walzer. Der Walzer oder das Walzen war eine Schlussfigur des Deutschen Tanzes, die sich dann abgespalten hat und beschleunigt wurde.“
Das Schubert-Bild.
Litschauer: „Der Umstand, dass er kein Kosmopolit war und sein lokales wie soziales Umfeld kaum verließ, trägt mit dazu bei, dass hauptsächlich andere als er selbst ein Schubertbild geprägt haben: Es gibt kaum Tagebuchaufzeichnungen, und wenn, ist da vieles aphoristisch oder verschlüsselt. Es gibt verhältnismäßig wenige Briefe, persönliche Äußerungen. Vieles wissen wir aus Erzählungen der Freunde über ihn, wobei man sehr vorsichtig sein muß, weil diese Erinnerungen zu einem großen Teil retrospektiv aufgezeichnet wurden. Diese biographischen Grauzonen tragen zu einer Klischeebildung bei, derer sich Film und Buch bedienen. Im Dreimäderlhaus mit Karlheinz Böhm als Schubert, sehe ich den positiven Kitsch. In Mit meinen heißen Tränen den negativen Kitsch. Ich wünsche mir, dass man Schubert immer mehr international wahrnimmt. Es wäre erstrebenswert, ein internationales Schubert-Zentrum – so etwas wie die Internationale Stiftung Mozarteum – einzurichten, wo Forscher und Künstler eine Ansprechstelle haben, wo alles, was bisher gesammelt wurde und weiter gesammelt wird, einfließt.“
Über die Schubert-Forschung.
Litschauer: „Es gäbe auch noch sehr viel in der Forschung zu tun. An Schubert gibt’s immer noch Neues zu entdecken. In Arbeit ist eine Gesamtausgabe der Briefe aus Schuberts Freundeskreis, und dann gibt es ja die umfangreichen Schubert-Erinnerungen. Auch in der Rezeptionsforschung gäbe es noch viele tolle Möglichkeiten.“
