„Jede Handlung in der Vergangenheit hat Auswirkungen auf die Zukunft.“

Pierre Dietz ist ein Neugieriger unter den Autoren. Gerne begibt er sich detektivisch durch feingliedrige Fäden der Historie. Er ist unterwegs mit bemerkenswerter Umsicht und mit spannenden Fragen. Im Kulturtodate-Interview erzählt er über sein neues Buch „Jesus Crispus und andere Fälschungen“ und warum es wichtig ist, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Über die Anregung zum Buch.
Pierre Dietz: „Zum einen hat mich der spirituelle Jesus in Kindheitstagen fasziniert. Im Alter von zwölf Jahren habe ich die Bibel gelesen und bin auf eine Reihe von Widersprüchen gestoßen, für die ich zur damaligen Zeit keine Erklärung gefunden habe. Zum anderen bin ich auf der Suche nach dem Schatz, den Alarich aus Rom entwendet hat und den sein Nachfolger nicht mit ihm begraben hat. Beide Geschichten sind dicht miteinander verknüpft. Das vorliegende Buch ist der Auftakt für eine Reihe von Erkenntnissen über den historischen Jesus und verfolgt erste Spuren zu dem verlorenen Gold.“

Pierre Dietz | Foto © Ingrid Ruch

Über den Antrieb zur Auseinandersetzung mit der Historie.
Pierre Dietz: „Mein Ziel ist es, durch Änderung der Sichtweise neue Zusammenhänge aufzudecken, reale Schauplätze zu finden, Intrigen aufzuspüren sowie Legenden zu entmystifizieren und deren wahren Kern zu enträtseln. Das sind Vorschläge, die Vergangenheit neu zu überdenken.“

Über Erkenntnisse, Erschütterungen und Überraschungen.
Pierre Dietz: „Die unsaubere Arbeit der Wissenschaftler der letzten Jahrhunderte hat mich schockiert. Gleiche Namen sind in einer Schublade gelandet, obwohl bisweilen eine Vielzahl von Personen dahinter stecken. Gegebenheiten, die nicht erklärbar sind, haben sofort einen religiösen Anstrich erhalten. Zum Beispiel: Die Konstantinische Schenkung (Donato Constantini ad Silvester I papam) ist in den Augen der Wissenschaft eine Fälschung, da Konstantin kein Arianer war und zu der Zeit nicht in Rom verweilte. Ich habe einen zweiten Konstantin entdeckt, der zeitgleich existiert hat. Der August Galliens war Arianer und ist zu jener Zeit der Zuwendung in Rom anwesend. Das ist bisher übersehen worden.“

Warum es wichtig ist, über Geschichte nachzudenken und ihr fragend gegenüber zu stehen.
Pierre Dietz: „Zum einen wiederholt sich Geschichte und zum anderen hat jede Handlung in der Vergangenheit Auswirkungen auf die Zukunft. Die aus meiner Sicht manipulierten Überlieferungen aus der Spätantike sind religiös motiviert und unvollständig. Die uns vorliegenden Schriften sind die Grundlage für die Ausübung von Macht. Winzige Korrekturen sind in der Lage, diese Kartenhäuser zum Einsturz zu bringen und den Blick auf den Ursprung zu gewähren.“

Über die Gefahr einer geschichtslosen Gesellschaft.
Pierre Dietz: „Wir sind Teil der Geschichte und die Geschichte ein Teil von uns. Wenn wir die Wahrheit nicht kennen, sind wir ein Spielball derer, die die Historiografie für ihre Zwecke fälschen, um ihre Interessen durchzusetzen. Eine geschichtslose Gesellschaft ist unmündig und lenkbar. Ohne den Vergleich mit der Vergangenheit ist die Bildung einer eigenen objektiven Meinung unmöglich.“

Über die Vorausschau der Geschichte.
Pierre Dietz: „Die Ereignisse der Vorzeit haben Auswirkungen auf unser Leben. Extrem ausgedrückt: Was, wenn das Feuermachen nicht erfunden worden wäre? Jede Handlung hat unausweichlichen Einfluss auf folgende Generationen. Wir prägen durch unser Zutun – oder Nichttun – die Zukunft. Aus diesem Zusammenhang heraus sind Prognosen für die Gegenwart und kommende Geschehnisse durch die Kenntnis der Geschichte denkbar.“

Über Feedback zum Buch.
Pierre Dietz: „Eine Reihe von Fachleuten befasst sich mit dem Buch. Anhänger einer christlichen Vereinigung haben sich beim Anblick des Titels aufgeregt, ohne den Inhalt des Buches zu kennen. Eine französische Historikerin (Studium an der Sorbonne) findet es interessant, weil es historisches Wissen in Frage stellt.“

Über weitere Projekte.
Pierre Dietz: „Im nächsten Buch beleuchte ich den Weg der Goten und die Auswirkungen der Plünderung Roms durch Alarich.“

Was er sich von der Gesellschaft – ab jetzt und in Zukunft – wünschen würde.
Pierre Dietz: „Die Meinung anderer zu respektieren, obwohl diese einem fremd oder den eigenen Überzeugungen gegenüber konträr ist. Das nennt sich Demokratie. Von allen die gleiche Geisteshaltung zu verlangen, ist Diktatur.“

Pierre Dietz.
Jesus Crispus und andere Fälschungen.
Spätantike 258-363 nach Christus.
Contrabasta 2023 | http://www.contrabasta.de
ISBN 978-3-75781-572-1
(377 Seiten)

Klappentext:
Was wäre, wenn Jesus erst im Jahr 297 nach Christus zur Welt gekommen ist?
Der Autor ist dieser Frage nachgegangen und hat eine Fülle von Beweisen zusammengetragen, die seine Annahme belegen. Durch falsche Hypothesen hat sich im Laufe der Zeit ein verzerrtes Bild des Neuen Testaments und der Spätantike entwickelt. Namensgleichheiten haben Superkaiser entstehen lassen. Dieses Buch stellt die Geschichte des Christentums und des Römischen Reichs in einen bisher ungesehenen Zusammenhang. Eine Verbindung, die bis heute Auswirkungen auf das Weltgeschehen hat.

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