„Die Wahrnemität ist Inspiration“

Farbig. Kopflastig. Innovativ. So beschreibt der bemerkenswerte Künstler Achim Ferrandina- Gouriou seine Kunst, der er sich stets auf herausfordernden Wegen annähert. Unter „Behind the Curtain“ stehen neue Arbeiten aus drei Zyklen. In „Vermeers Zeitreise durch die Kunstgeschichte“ verbindet er klassische und moderne Kunststile, indem er Vermeer Malkunst mit Motiven von Raffael, Rubens, Brueghel, Caravaggio sowie Gustav Klimt und Egon Schiele kombiniert. In „Le Giornate della Pittura oder die Vermessung der Zeit“ reflektiert er den künstlerischen Schaffensprozess selbst, in dem der Zeitaufwand für ein Kunstwerk durch dreidimensionale Kompositionen sichtbar wird. „The suspended Time“ setzt sich mit dem eingefrorenen Moment künstlerischer Schöpfung auseinander. Im KULTURTODATE-Gespräch erzählt der Künstler mit italienischen und französischen Wurzeln über die Zugänge sowie Hintergründe seines Schaffens.

Achim Ferrandina-Gouriou: „Epochenwanderer“, Fremdenführer, Künstler. | Foto: Thomas Bakos

Über die wichtigste Botschaft und Philosophie seiner Kunst.
Ferrandina-Gouriou: „Vielleicht ist es das Nachdenken über gewisse Rechte und Privilegien, die wir heute haben und wie es ist, diese zu verlieren. Gewisse Dinge, für die gewisse Menschen vor uns gekämpft haben, halten wir für gottgegeben ohne zu fragen, wieviel noch zu tun wäre. Mich beschäftigt auch, wie hart es ist, Kunst zu schaffen. Was für ein Kampf eigentlich dahintersteckt. Zwischen allen Persönlichkeiten, die in uns stecken und auch die Zweifel, die sich mal eingeladen und mal uneingeladen dazugesellen. Das ist auf der Leinwand eigentlich nie zu sehen. Das kommt vor allem in der Reihe Le Giornate della pittura – oder die Vermessung der Zeit zum Tragen. Ganz sicher ist eine Philosophie meines Kunstmachens, mir den möglichst schwierigsten Weg auszusuchen.“

Über sein Projekt „Tableaux Vivants“.
Ferrandina-Gouriou:
„Es war 2020, erster Lockdown und viele Menschen haben plötzlich viel Zeit gehabt. Was damit tun? Die einen spielten PlayStation – ich hatte mir auch eine gekauft, die aber lediglich eine Woche lang zum Einsatz kam, danach verstaubte sie. Die anderen haben Bücher gelesen oder gestrickt oder genäht – was ich eigentlich auch gemacht habe, doch die eigens dafür angeschaffte Nähmaschine gab den Geist auf. Ein Desaster! Wiederum andere haben damit angefangen, Gemälde oder Kunst im Allgemeinen nachzustellen, also Tableaux Vivants. Eine Freundin meinte, ich sollte doch auch so etwas machen. Meine Antwort war: Challenge accepted! Dann musste ich mir ein Bild aussuchen. Es sollte auch – typisch Achim – eine schwierige Aufgabe sein, die auch mit der allgemeinen Situation zu tun hatte. So fiel meine Wahl auf den Bohnenkönig von Jacob Joardens. Das Bild stand für mich sinnbildlich für all das, was wir in der Corona-Zeit verloren hatten: die Möglichkeit, Freunde zu treffen und Party zu machen. Nachdem auch ich alleine zuhause war, musste ich in alle Rollen schlüpfen. Das zweite –Ecce Homo von Tizian entstand, als ich plötzlich für den ORF Kultur-Montag interviewt werden sollte. Dafür wollte ich noch ein weiteres Reenactment machen. Natürlich wurde es noch schwieriger als zuvor. Spannend ist, dass meine Gefühlslage zum jeweiligen Bild passte. Beim Bohnenkönig hatte ich während der Produktion Spaß. Beim Ecce Homo war es derartig anstrengend, dass es überhaupt keinen Spaß bereitete.“

Tableau Vivant von Achim Ferrandina-Gouriou nach „Der Bohnenkönig“ (Jacob Joardens) | Foto: Künstler/KHM

Darüber, was die Kunst in ihren Zeiten tun kann.
Ferrandina-Gouriou: „Es kommt auf die Geschehnisse und auf die Zeit an, aber auch auf die aktuelle innere Situation. Als das Ganze mit Russland und Ukraine losging, habe ich darüber nachgedacht, dies in meinen Zeichnungen zu verarbeiten. Das habe ich dann wieder verworfen, da ich es als anmaßend empfand. Dabei muss ich aber gerade jetzt über das Werk Guernica von Picasso denken. Von seiner Seite war es ganz sicher nicht anmaßend. Aber für mich, als Beobachter von außen, ist es das. In meinem Bild für die Band AYMZ habe ich eine ganz besondere Freiheit verarbeitet: Der Mensch sein zu dürfen, der man ist. Die Problematik der aktuellen sozialen Entwicklung fließt in mein Bild Apokalypse (Now?) ein. Kunst soll Kunst sein. Oder Ausdruck dessen, was man denkt oder auch nicht denkt. Meine Kunst ist ziemlich kopflastig. Mein Anspruch ist es, eine Botschaft senden zu können – oder zum Nachdenken anzuregen. Das ist hie und da in meiner Vermeer-Reihe zu sehen. Ich denke aber nicht, dass es etwas gibt, was Kunst sein muß. Vielleicht soll sie nicht zur Propaganda, politisch oder religiös missbraucht werden. Aber selbst ich sende mit manchen Werken Botschaften, die politisch gefärbt sind, zumindest moralisch.“

Achim Ferrandina-Gouriou: Vermeer trifft Gustav Klimt (aus: Vermeers Zeitreise durch die Kunstgeschichte)

Über aktuelle Projekte.
Ferrandina-Gouriou: „Gerade beschäftigen mich die Vorbereitungen zu meiner Ausstellung Behind the Curtain. Dazwischen wird gemalt, geklebt, genäht und alles, was dazu gehört.“

Über seine Zeitreisen durch die Geschichte in Wien.
Ferrandina-Gouriou: „Mein Anspruch als Fremdenführer und Kulturvermittler ist es, die Geschichte greifbar zu machen. Ich möchte eine Materie, die oft als langweilig und verstaubt abgetan wird, mit etwas Witz näher bringen. Ich sage immer wieder: Geschichte ist Zukunft. Im Rahmen meiner Touren versuche ich aber auch den Scheinwerfer auf Themen und Geschehnisse zu lenken, über die man sich nicht immer Gedanken macht. Zum Beispiel wie es für einen Untertanen oder eine Untertanin von Kaiser Franz Joseph gewesen sein muss, im Jahre 1919 plötzlich in den Burggarten spazieren zu gehen. Was die sich wohl gedacht haben? Vielleicht: Dürfen wir das? 1919 ist aber auch das Jahr, in dem es in Österreich zum ersten Mal das allgemeine Wahlrecht auch für Frauen gegeben hat. Es hat aber noch bis 1975 gedauert, bis die Frauen das Recht hatten, eine Arbeit anzunehmen, ohne den Ehemann um Erlaubnis fragen zu müssen.

Achim Ferrandina-Gouriou: Vermeer trifft auf Brueghel in Babel (aus: Vermeers Zeitreise durch die Kunstgeschichte)

Über seinen Weg nach Wien.
Ferrandina-Gouriou: „Nach Wien bin ich zwei Mal gezogen. Das erste Mal 1996. Da war ich 16 Jahre alt und kam, um meinen schulischen Werdegang fortzusetzen. Ich habe hier dann so ziemlich jeden Job gemacht, den man sich vorstellen kann: von McDonald’s, über Starbucks hin zum Eismacher und als Kupfer-Recycler. Dann zog ich wieder nach Italien. Nachdem ich verstanden hatte, was ich im Leben machen will – das, was ich jetzt gerade tue – bin ich wieder nach Wien gezogen, habe die Ausbildung zum Fremdenführer gemacht und nun bin ich auch Künstler. Das Leben ist eine sehr merkwürdige Pralinenschachtel.“

Über seine Arbeit und seinen Zugang zur Kulturvermittlung.
Ferrandina-Gouriou: „Ich hatte das große Privileg, eine gute Ausbildung zu genießen. Durch die Ausbildung zum Fremdenführer habe ich einen Einblick in die Geschichte und in die Kunst bekommen. Ich bin in eine weitestgehend freie Welt hineingeboren worden und darf heute viele Dinge tun, die für mich nicht selbstverständlich sind. Das alles weckt in mir den Drang, das Erlernte weiterzugeben. Aber auf eine verständliche Weise. Zusammenhänge zu erklären, Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schlagen. Sicherlich ist es auch eine gute Basis für den interkulturellen Dialog.“

Über seine künstlerischen Vorbilder.
Ferrandina-Gouriou: „Vorbild ist etwas Gefährliches. Man wird in einem Spiegel gefangen. Dennoch: Der erste Gedanke fällt auf Albrecht Dürer. Einfach, weil er so viele Techniken beherrscht hat und neue Wege gegangen ist. Ich schaue auch auf Caravaggio, weil er sich was ganz Neues getraut hat. Ich schaue auf Egon Schiele mit seinen starken Bildern. Doch alle haben auch ihre Schattenseiten gehabt.“

Über seine Inspirationsquellen.
Ferrandina-Gouriou: „Meine Inspirationsquelle ist das Leben im Allgemeinen, das Beobachten der Realität, die ich als Wahrnehmität bezeichne. Ideen und Inspirationen kommen aus Bildern, die ich als Freunde ansehe. Ist ein bestimmtes Bild nicht ausgestellt, ist es, als ob ein guter Freund plötzlich weggereist wäre. Diese Freunde sprechen zu mir und liefern mir neue Ideen. Daraus entstehen dann wieder völlig neue Welten. Bestimmte Lieder können auch für Inspirationen sorgen und schaffen neue Bilder, die zu Papier gebracht werden wollen. Manche davon beschweren sich schon lange bei mir, weil sie nach wie vor in meinem Kopf schweben.“

Über den Reiz kultureller Vielfalt.
Ferrandina-Gouriou: „Jeder Mensch ist unterschiedlich und bringt seine eigenen Gedanken. Wir haben eine bestimme Vorstellung von dem, was richtig und falsch ist und sind der felsenfesten Meinung, dass unser Weg der richtige ist. Das ist der Reiz. Kulturelle Vielfalt bringt Durchmischung und ermöglicht die Entwicklung völlig neuer Wege.“

Achim Ferrandina-Gouriou: „Das sind die Farben die für das Bild Apocalypse (Now?) angemischt worden sind, jede dieser Inseln ist eine andere Phase des Malprozesses zu dem Bild.“ | Foto: Künstler

Über seine Begeisterung für Kunst und Kultur.
Ferrandina-Gouriou: „Geschichte habe ich schon immer gemocht. Mit Kunst bin ich erst durch die Ausbildung zum Fremdenführer in Kontakt gekommen. Da ist für mich eine komplett neue Welt aufgegangen. Die Begeisterung entsteht dadurch, Geschichte zu erlernen, diese zum Leben zu erwecken und mit der heutigen Zeit zu verbinden. Das gilt auch für die Kunst. Begeisterung tritt zum Beispiel dann ein, wenn man feststellt, dass wir durch die Arbeit von pointillistischen Künstlern heute wissen, wie einzelne Farbpunkte zu einem Bild zusammengesetzt werden können. Und dass wir dadurch Smartphones haben können. Begeisterung entsteht bei mir, wenn ich über Kaiser Rudolf II. nachdenke, der Johannes Kepler und Tycho Brahe den Auftrag gab, die Bahnen der Planeten um die Sonne genauer zu berechnen. Dadurch können wir heute Satelliten ins Weltall schicken, die wir alle für GPS nutzen.“

Weitere Infos über Achim Ferrandina-Gouriou auf seiner Homepage.

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