Bergsommer im Kleinarltal

Die Sonne meint es gut und lacht über dem Kleinarltal im Salzburger Pongau. Es zieht sich von Wagrain über 20 Kilometer bis hin zu seinem beeindruckenden Talschluss mit dem idyllischen Jägersee. Das bäuerliche Leben hier in den Bergen schöpft aus der sommerlichen Gunst und zeichnet sich durch einen besonderen Einklang mit der Natur aus. In der „Heimat Österreich“-Neuproduktion spürt Regisseur Christian Papke heimatverbundene Menschen aus Wagrain und Kleinarl auf,  die großen Wert auf den Erhalt ihrer gegebenen Umwelt legen. Eine Welt, die sie in ihrer arbeitsamen und bodenständigen Manier pflegen und liebevoll erhalten. 

Auf 1020 Metern Seehöhe, auf der sogenannten „Sonnseite“ in Wagrain, liegt der Bergbauernhof Stadlleiten. Hier geht die Bauernfamilie Ganschitter zu Werke. Jungbauer Erik Ganschitter lenkt einen Scheibenmäher über einen von hohem Gras bewachsenen Hang. Aus der Mahd wird später frisches Heu für die Kälber. Erik ist schon mit voller Leidenschaft dabei. Für ihn ist es „ein Stück Freiheit“, und er ist überzeugt: „Wenn du nicht mit der Natur arbeitest, dann arbeitet die Natur gegen dich. Und da verlierst du.“ Auch Matthias Ganschitter, Eriks Vater, ist vom Wert der bäuerlichen Arbeit überzeugt: „Weil man ja sieht, wenn man was tut. Und das ist schon ein sehr befriedigendes Gefühl, eine Arbeit erledigt zu haben – vor allem natürliche, bodenständige Arbeit, die man mitbekommen hat von jung an – da hat man schon Freude dran.“ So kümmert er sich tagtäglich ums Vieh und schneidet das Holz. Auch jenes, das Großvater Matthias Ganschitter senior in seiner Werkstatt und mit Eriks interessierter Mitarbeit zu Holzschindeln verarbeitet. Damit pflegt er noch heute ein mittlerweile rar gewordenes, früher im Salzburger Raum weit verbreitetes Handwerk, das unter anderem die Dächer der Kirchen, Kapellen oder Bauernhäuser selbst deckte und unverändert deckt. Der muntere Altbauer blickt lächelnd auf die Beschwernisse des Bergbauerndaseins vergangener Tage, die er noch voll miterlebt hat: „War natürlich schon schwierig. Früher hat man halt auf alles verzichten müssen.“ Und da der Altbauer viele Jahre um eine befestigte Straße bis zu seinem Hof kämpfen musste, ist man die längste Zeit „nur mit dem Pferdekarren vom Ort gekommen“.

Am Hof der Bauernfamilie Kaml in Großwidmoos sind es vier Generationen Frauen, die die Geschicke der Landwirtschaft lenken. Hier wird noch die in der Familie überlieferte Tradition des Brotbackens im alten frei stehenden Holzofen gepflogen. Notburga Kaml, die junggebliebene Hofälteste, weiß noch sehr gut ob der großen Bedeutung des Getreides in der Entwicklung der hiesigen Landwirtschaft und damit verbundenen Mühen: „Es hat immerhin ein Jahr gedauert, bis das Brot am Tisch gelegen ist. Und wir haben große Ehrfurcht und immer noch den Segen von oben – dass das einfach auch gut gelingt. Weil ein Jahr ist lang, da kann viel passieren.“ Auch in der Backstube, beim gemeinschaftlichen Teigkneten, zeigt sich, dass das Miteinander der Generationen einen hohen Stellenwert genießt. Notburgas Tochter Waltraud Kaml betont: „Die Jungen können von den Alten sehr viel lernen. Dass es nicht immer so einfach war wie jetzt. Dass das Leben viel entbehrungsreicher war. Dass es nicht so schnelllebig war. Dass einfach alles viel mehr Zeit gebraucht hat früher. Die Alten von den Jungen können, glaube ich, lernen, dass die gute alte Zeit nicht immer die gute alte Zeit war.“ Es werden aber auch sehr viele um den Hof wachsende Kräuter gezogen und verarbeitet: „Die Mama macht schon jahrelang Kräutersalz. Die Oma hat früher Salben gemacht, Ringelblumensalben – das sind einfach so Kindheitserinnerungen, die immer noch da sind – und das lernen wir jetzt wirklich sehr zu schätzen, dass das einfach immer schon bei uns auch Thema war am Hof“, erzählt Notburgas Enkelin Viktoria Kaml.

Die Kamls bringen ihre Produkte regelmäßig zum Bauernmarkt. Dort haben sie ihren Stand neben dem von Christine Höller. Die Wahlkleinarlerin schöpft stark aus der Natur, die sie im Kleinarltal umgibt. Die diplomierte Kräuter- und Waldpädagogin ist vom Heilpotenzial der Natur überzeugt und nimmt gerne Menschen mit bei ihrer Entdeckungsreise ins Baumgrün. „Es geht um die Wertschätzung in der Natur – und ich möchte einfach aufzeigen, dass man den Baum vielleicht als Wesen sieht, als Lebewesen. Wenn du dich in die Natur begibst, und du wanderst so dahin, dann kommt irgendwann der Punkt, wo du abschaltest. Wo du aufhörst zum Denken. Und da fangt das an, wo man eigentlich diese Kommunikation mit den Bäumen schon hat.“ Mit Einfühlungsvermögen und der nötigen Ruhe führt die Waldexpertin eine kleine Gästegruppe unter eine markant gewachsene Solitärfichte und zeigt mit selbstgemachten Keksen mit Fichtenwipfelhonig, dass man den heilsamen Wald wirklich mit allen Sinnen erfahren und eine neue Beziehung zu ihm aufbauen kann. „Ja, ich bin davon überzeugt, dass der Baum und der Mensch immer schon miteinander verbunden gewesen sind.“

Am Mönchsberghof, im Angesicht der Ennskraxn, dem Kleinarler Hausberg, treffen sich vier junge Frauen zu einer musikalischen Probe. Die Blusnknepf, wie sie sich nennen, pflegen mit ihrem Schwung die Volksmusik und peppen sie damit auf. „Uns ist wichtig, dass es fahrt. Das ist eigentlich das Wichtigste. Es muss fahren, es muss schieben, uns muss es taugen. Wenn wir so irgendwie drinnen sind beim Spielen, dann ist es das Schönste.“ Und sie haben wirklich Spaß an ihrer Sache und tragen großteils die musikalischen Traditionen ihrer Familien an der Harfe, an den Steirischen Harmonikas und am Kontrabass weiter.

Wieder Richtung Taleingang nahe Wagrain liegt mit dem Steinbachhof ein ganz besonderer Betrieb. Mit über 2.000 Legehennen hat sich der Nebenerwerbsbauer Rudolf Weichselbraun das sogenannte Hühnerdorf Wagrain geschaffen. Etwas Einzigartiges: „Speziell in unserer Region sind wir mit unserem Bio-Hennen-Betrieb eher Exoten“, weiß er, der für die Hühner die Rinderzucht aufgab. Die ganze Familie hilft fleißig bei der Hege und Pflege des Federviehs mit, das täglich rund 1.800 Eier legt. Dass man es auch nur gemeinsam und im familiären Miteinander bewerkstelligen kann, dessen ist sich Weichselbraun vollauf bewusst. Aber noch ein Detail lässt den Hof gerne im Gedächtnis bleiben: In den hofumliegenden Wiesen hüpfen Kängurus

Weiter taleinwärts liegt das dreihundert Jahre alte Viehhofgut, wo Bernadette Fritzenwallner einem ganz besonderen Handwerk nachgeht. Ist sie doch eine der wenigen Säcklermeisterinnen im Land. „Sein tut ja der Säckler eher ein Männerberuf von früher. Aber durch das Üben kriegst du dann natürlich irgendwann das Gefühl und die Hornhaut auf den Fingern.“ So gesteht sie in ihrer bodenständigen Herzlichkeit. In ihrer Werkstatt fertigt sie aus Wildleder – auch nach Kundenwünschen – traditionelle Lederhosen. Wir dürfen ihr über die Schulter blicken, und sie gewährt uns spannende Einblicke in die Säcklerei.  

Und so kommen wir schlussendlich gerade noch rechtzeitig zu einer Musikprobe der örtlichen Bergrettungsmusi, mit deren Klängen ein herzlicher Streifzug durch das Kleinarltal mit seinen sympathischen Bewohnern einen schwungvollen Ausklang findet.

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