Bergleben auf der Bischofsmütze

Die Bischofsmütze. Wie ein markantes Naturdenkmal thront sie als höchster Gipfel im Gosaukamm des Dachsteinmassivs. Sie drückt den Salzburgischen Landschaften um Filzmoos im Pongau und Annaberg im Tennengau ihren Stempel auf. Die neue Dokumentation von Christian Papke begibt sich für „Heimat Österreich“ in die Regionen rund um die Bischofsmütze. Sie spürt den Geschichten und der Faszination des einzigartigen Berges für die in ihrem Angesicht lebenden und arbeitenden Menschen nach. Erstausstrahlung 02.06.2021, 20:15, ORF III.

Lange Jahre kannte man den „Blas“ als Hüttenwirt auf der Annaberger Mahdalm. Früh hat Blasius Rettenegger gewusst, dass er auch dort hin will: „Ich habe mir in den Kopf gesetzt, erstens einmal: Bergretter will ich werden. Dann: Hüttenwirt will ich werden. Und Bergführer. Die drei Sachen habe ich alles erreicht, und jetzt bin ich der glücklichste Mensch, den es gibt auf der Welt.“ Schon seine Mutter war Sennerin. Noch heute unterstützt er tatkräftig die Helfer in den Bergen. Wie schon sein Vater, der auch Bergretter war. Außerdem betreut er in Annaberg 120 Kilometer Wanderwege. Im Gosaukamm hat er bereits mehrere Erstbegehungen – so eine schwierige Route in der Bischofsmützen-Nordwand – begangen und auch seine Frau auf die Bischofsmütze geführt. Ein Berg, der ihm sehr vertraut ist. „Ich bin das erste Mal mit 10 Jahren raufgegangen, ohne dass es die Eltern gewusst haben. Mit einem Freund aus der Nachbarhütte.Wir waren eine Seilschaft.Wie ich Hüttenwirt war, hatte ich einmal eine Zeit, da bin ich in der Woche dreimal von der Theodor-Körner-Hütte auf die Bischofsmütze zum Training gelaufen.Vor der Arbeit. Um 5 Uhr los und um 8 Uhr war ich wieder auf der Hütte. Drei Stunden von der Körner-Hütte zum Gipfel und wieder retour. Das sind genau 1.000 Höhenmeter. Aber relativ eine lange Wegstrecke.“

Altbauer Peter Kendlbacher, ein alteingesessener Annaberger, betreibt in der Gegend der Bischofsmütze eine Jung-Kalbinnen-Aufzucht. Für ihn „eine Alternative zur Milchproduktion oder zur Zucht, weil man einfach viel weniger Arbeit hat.“ Die Arbeit in der Berggegend ist sehr arbeitsintensiv und im Vergleich zur Masse an Billigprodukten wenig ertragreich. „Wir erzeugen einfach ein hochwertiges Produkt, das viel Arbeit braucht und wo auch ein bisschen Liebe dabei sein muss.“ Er lebt in einem Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert und schaut mit Freuden auf seine „Mütze“: „Ja, die Bischofsmütze ist einfach unser Hausberg. Und jeden Tag schaut man hundertmal rauf und jedes Mal denkt man sich, wie schön dass sie ist. Sie strahlt auch eine gewisse Kraft ab. Ist was Schönes!“ Als Bauer versteht er sich auch als Pfleger und Bewahrer der Natur. „Man muss auch auf die Almen schauen, dass sie nicht zuwachsen. Und das ist einfach als Bauer schon eine Herausforderung, dass man das eigentlich so weitergibt, wie man es übernommen hat. Da muss man eigentlich schon gut dahinter sein.“

Hoch über Annaberg, auf der 400 Jahre alten Rottenhofhütte (1390m), käst Sennerin Magdalena Kraft. Eine Leidenschaft, die aus ihrer Kindheit kommt. „Mich hat das immer schon sehr interessier t, Käse zu machen. Weil es mir ganz wichtig ist, dass man wieder naturbelassene Produkte zu den Menschen in die Nähe bringt.“ Als sie anfing, gab es in der Umgebung nur wenige Sennerinnen, die Käse gemacht haben. Ihre kleine Nicht Anna geht ihr auch schon zur Hand.

Ein paar Höhenmeter tiefer, im sogenannten Lammertal, hat Elisabeth Stölzl mit ihrer Familie ein besonderes Zuhause für Alpakas geschaffen. Motivation war nicht nur der landwirtschaftliche Aspekt, sondern das Wesen der Tiere und der innere Ausgleich, den sie bewirken können: „Alpakas sind einfach Tiere, die einen runterbringen. Die einen lehren, einfach einmal eine Pause einzulegen. Die einen einfach runterbringen.“ So die Initialzündung für den Start ihrer kleinen Alpakazucht. Es war Liebe auf den ersten Blick. „Es gibt ja den Spruch:Wenn du einem Alpaka einmal in die Augen geschaut hast, dann bist du ewig verliebt in dieses Tier – was auch stimmt.“ Nicht nur, dass die Alpakas vom Lammer tal die Bischofsmütze in ihrem Logo haben. In Begleitung der Tiere kann man den Eindruck des Hausberges erleben. „Wir gehen mit unseren Alpakas auch spazieren. Wir machen Wanderungen auf die Loseggalm, am Fuße der Bischofsmütze. So kommen unsere Tiere auch in die Nähe dieses schönen Berges, den sie von der Weide aus jeden Tag sehen.“

In Sichtdistanz zu den putzigen Zwerg-Kamelen steht ein denkmalgeschützter Bauernhof: der Gererhof. Unter anderem durch seinen langjährigen Einsatz für diesen, ist Bernhard Ponemayr profunder Kenner der regionalen Historie. Herzstück des original erhaltenen Mittelflurhauses aus dem 17. Jahrhundert, das an das bäuerliche Leben von früher erinnert, ist eine Rauchkuchl. „In einer Rauchkuchl ist alles das geschehen, was mit Feuer zu tun gehabt hat. Da ist gekocht worden, da ist gewaschen worden, da is gebrannt worden – und dadurch kann man sich vorstellen, dass die Aufenthalte in der Rauchkuchl nicht besonders angenehm waren“, erzählt Ponemayr. Das Haus beherbergt unter anderem eine Sammlung von über 100 Kumpfs. Ein besonderes landwirtschaftliches Utensil. „Ein Kumpf ist das Gerät gewesen, was man früher beim Mähen gehabt hat zum Sensenwetzen.“ Oder die sogenannte „Hoanzlbank“ zum Schindelmachen. Oder der typische Annaberger Rechen. Auch Ponemayr war schon auf der Bischofsmütze. „Der Berg ist ein Riffgebirge und man nennt ihn auch zum Teil faulen Zahn, weil ständig Felsabbrüche sind.“ In der Familie wird auch Hausmusik gepflegt. Heute steht ein Stück mit Bezug zur Bischofsmütze auf dem Programm. „Mein Vater hat mir die Heimatverbundenheit schon sehr stark in die Wiege gelegt“, bekennt Bernhard Ponemayr Junior, der dieses Stück mit Frau und Tochter gerne zum Besten gibt.

Auf der anderen Seite der Bischofsmütze, auf der auf 1366 m gelegenen Aualm über Filzmoos, verwöhnt die junge Sennerin Justina Rettenwender die berghunrigen Gäste der Kirchgasshütte. Der jugendliche Wind überraschte viele. „Am Anfang war es schon eine Umstellung, weil das Klischee früher so war eigentlich, dass immer die alten Leute auf der Alm waren. Und wie die Gäste halt so sind: ‚Ja, junge Leute, was können die?‘ Und es war schwierig. Bis sie halt einen Sommer gesehen haben, dass es funktioniert und dann hat es gepasst. Man muss sich dann halt auch beweisen.“ Mittlerweile ist die Sennerin und gelernte Köchin schon den zwölften Sommer auf der Alm. Eine ihrer Spezialitäten sind die Bauernkrapfen nach dem Rezept ihrer Großmutter.

Auf die Aualm und seine ‚Nachbarin’ hinunterblicken, kann Heinz Sudra, Hüttenwirt von der über 1.700 Meter hoch gelegenen Hofpürglhütte. Er kennt die Bischofsmütze vor allem vom Klettern. Angeregt von ‚Familiensport- Ausflügen‘ in seiner Kindheit, brachte er die Idee in die Pongauer Natur: „Ich wollte das auch in Filzmoos machen. Der Unterschied von der Halle ist natürlich, dass ich in der Natur klettere. Also im Fels.“ Er brennt für diesen Sport: „Klettern ist für mich mein Leben. Das ist, kann man sagen, eine Lebensphilosophie.“ Sudra ist verantwortlich für den Klettergarten, der sein Schutzhaus umgibt, hat diesen mit aufgebaut und ist auch Bergretter. Hat er dann einmal Zeit, genießt er die Lage seiner Alpenvereinshütte: „Es ist ein Wahnsinns- Panorama. Im Endeffekt kann man sagen, man tut da Fernsehen.“

Die Bischofsmütze relativ spät für sich entdeckt, aber schon viele mit Bedacht und sicher hinaufgeführt, hat der erfahrene Bergführer Eduard „Edi“ Vierthaler. Über 350 Mal ist er inzwischen oben gewesen. Ihn faszinier t auch immer wieder die spirituelle Kraft des Berges. „Für mich ist der Berg ein ganz besonderer Anziehungspunkt. Man erlebt ihn auch immer wieder komplett anders, obwohl man eigentlich schon mittlerweile jeden Griff hinauf kennt. Aber es ist trotzdem eine ganz eigene Charakteristik. Ich gehe auch zum Berg hin und begrüße ihn als erstes. Ich bringe mich mit dem Berg sozusagen feinstofflich geistig in Verbindung.“ Nicht hinauf zu hasten, ist dabei Vierthalers oberstes Credo. Ein Fehler, den viele – vor allem unerfahrene Berggeher – begehen: „In der ersten halben, Dreiviertelstunde leeren 80 Prozent der Leute 80 Prozent ihre Batterien aus. Und dann ist der Weg weiterhin oft Krampf um Krampf.“ Besser geht es, wenn man sich Zeit lässt, langsam, aber stetig.

Die Kraft der Berge, so auch der Bischofsmütze, für sich entdeckt, hat der Wahlfilzmooser Bergwanderführer Coen Weesjes. Der gebürtige Holländer ist lange Zeit gerne als Urlauber in das Bergdorf gekommen. „Ich bin ja vor langer Zeit auf minus zwei Meter unter dem Meeresniveau geboren. Nach Filzmoos gekommen bin ich durch meine Eltern. Es hat sie immer wieder in die Berge gezogen.“ Er hat hier nicht nur sein Zuhause gefunden, sondern auch eine echte Bergkarriere hingelegt. „Irgendwann habe ich die Möglichkeit bekommen, als Schilehrer zu arbeiten. Das hat mich gleich von Anfang an fasziniert.“ So hat er es auch bis zu leitenden Funktionen bei der hiesigen Bergrettung gebracht. „Die Berge in Filzmoos geben mir Kraft, geben mir Lebensfreude – einen großen Teil auch Ruhe.Viel Natur. Viel unberührte Natur: von lieblichen Almen, schönen Blumen, viele schroffe Felswände, tolle Fernblicke – das ist das, was ich so schätze hier an dieser Gegend.“ Als leidenschaftlicher Fotograf versucht er die wohltuenden Kleinodien auch den Menschen näherzubringen und führt sie zu einzigartigen Kraftplätzen rund um die Bischofsmütze, „vor allem, da wir Menschen auch ein Teil der Natur sind – und eben nicht daneben stehen sollten, so wie es momentan sehr oft der Fall ist“.

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