„Wer die Geschichte nicht kennt, ist ein Spielball im Machtkampf der Politik“

Einer, der sich leidenschaftlich und detektivisch auf historische Spuren begibt. Einer, der die Vielflalt in der Kunst lebt. Einer, der noch zu erzählen weiß. Pierre Dietz ist Autor und Designer. Er hat einige Kurzfilme realisiert und widmet sich der bildenden Kunst. Nach dem Historienroman King Artus und das Geheimnis von Avalon, legt der breitgefächerte hessische Künstler den Kurzgeschichten-Band Sisi in der Normandie – und andere Kurzgeschichten vor. Ein Kriminalfall, auf Sisis schwerem, mysteriösem Reitunfall 1875 in der Normandie fußend. Autobiographisches. Fotografisches. Streifzüge durch das Paris der Jahrhundertwende. Wie ein Reisebegleiter. Ein Neugier weckendes Panoptikum. Im KULTURTODATE-Interview erzählt er darüber. Auch über seine Kunst. Und über die Wichtikgeit, Geschichte lebendig zu halten.

„Sisi in der Normandie“ – wie kommt es zu dieser Geschichte und welche Hintergründe sind damit verbunden?
Dietz: „Mein Opa Max Cabot lebte in Rouen. Sein Wohnwagen stand in Sassetot-le-Mauconduit, wo meine Großeltern in den wärmeren Monaten der Stadt entflohen sind. Mein Großvater hat im Laufe der Jahre sämtliche Begebenheiten zu dem Ort zusammengetragen. Sisi ist nicht die Einzige, die diesen Flecken der Normandie aufgesucht hat. Mein Opa hat vorgehabt, seine Erkenntnisse zu einem Buch zusammenzufassen. Ständig neue Funde haben das verhindert und es ist bei Zeitungsartikeln geblieben. Bei jedem Besuch hat er mir von seinem Stand der Forschungen berichtet und hat mich durch die Gegend gefahren, um mir die Orte zu zeigen. Zum Beispiel das Schloss in dem Rommel untergebracht war. Sisi war ein Thema, über das wir uns oft unterhalten haben. Seine Freude über Details war ansteckend.“

Was fasziniert Sie persönlich an „Sisi“?
Dietz: „Mein Opa starb und hinterließ mir seine Manuskripte in der Hoffnung, dass ich das Material zu einem sinnvollen Schluss bringen möge. Mein Opa hatte kein Internet. Nachdem ich die Suchmaschinen um Fakten um die Kaiserin bemüht hatte, bin ich auf die Idee gekommen, dass die Unfälle kein Zufall waren – und ich habe diese Kurzgeschichte geschrieben. Sisi hatte Selbstbewusstsein und war ihrer Zeit um Längen voraus. Gleichzeitig war sie naiv genug, Gefahren nicht zu erkennen. Der Reiz für mich lag darin, den Kriminalfall aufzudecken, der hinter der von mir vermuteten Intrige Ihrer engsten Vertrauten stand.“

Was ist das Besondere an dem neuen Buch?
Dietz: „Das Buch ist umfangreich bebildert. Es gibt zwei historische Geschichten, bei denen es sich um ungeklärte Verbrechen aus der Vergangenheit handelt. Die anderen sind Erinnerungen an meine Jugendzeit in Paris. Das Buch ist ein idealer Reisebegleiter. Ein Wechsel aus Spannung und pointierten Texten sorgt für Kurzweile.“

Das Cover des Kurzgeschichten-Bandes von Pierre Dietz.

Wo kommt Ihre Leidenschaft zum Schreiben her?
Dietz: „Mit acht Jahren habe ich mein Erstes ,Buch‘ geschrieben. Die Reise einer Gruppe von Schülern zu einer verwunschenen Insel. In der Schule haben die Lehrer meine Ausdrucksweise gelobt, mochten aber meine Schreibfehler nicht. Meine damalige Legasthenie hat viele Jahre diese Form des Ausdrucks verhindert, weshalb ich gemalt habe. Es war kein Spaß, ständig auf Formalitäten hingewiesen zu werden. Um das zu ändern, habe ich eine Zeit lang hauptberuflich für eine Tageszeitung als Reporter gearbeitet und mich mit der deutschen Sprache und der Kunst des Schreibens auseinandergesetzt.“

Als Schriftsteller, Filmemacher und Künstler. Inwieweit spielt das Wechselspiel zwischen den einzelnen Disziplinen eine Rolle? Wie würden sie ihre Kunst und ihre wichtigste Botschaft charakterisieren?
Dietz: „Zwischen den Gemälden und meinen Texten liegen Welten. Die ,Luftschlösser‘ sind Spiegel in das Innere. Sie sind Philosophien der Aufgaben im Leben, ob von der Gesellschaft aufgezwungen oder unerfüllbare Sehnsüchte. Meine Texte haben überwiegend einen historischen Bezug. Das Interesse an Geschichte habe ich von meinem Großvater geerbt.“

Die „Luftschlösser“ von Pierre Dietz sind von einer fast unsichtbaren Kante aus Aluminium umgeben.
„Schlechte Rahmenbedingungen für eine freie Entfaltung“, wie es im Info-Flyer heißt.
Drei Vierecke stellen Wünsche und Erwartungen an das Leben dar.
Die „Luftschlösser“ sollen ermutigen, Neugierde und Lebensfreude wiederzuentdecken.
Öl auf Leinwand mit Aluminiumkante | Serie 1: 2002, 2011-2018.

Was hat es mit „Barakabas“, einem Vorlesebuch für Kinder, auf sich?
Dietz: „Das Kinderbuch war nicht meine Idee. Beate Koslowski hatte einen Teil der Bilder zuvor angelegt. Nach der Lektüre des Buches King Artus und das Geheimnis von Avalon hat sie mich gebeten, mir eine Geschichte zu ihren zauberhaften Figuren auszudenken. Wir hatten trotz Corona eine erste Lesung. Das war ein Mix aus Zuhören und Malen, was bei den Kindern gut angekommen ist. Wir hoffen, im nächsten Frühjahr weitere Veranstaltungen dieser Art durchzuführen.“

Dem Projekt „Barakabas“, einem Vorlesebuch für Kinder, gingen Illustrationen der Nauheimer Künstlerin Beate Koslowski voraus.

Ein großes Projekt war auch „King Artus und das Geheimnis von Avalon“. Was behandelt dieser Stoff?
Dietz: „Ich verfolge seit Jahren die Spur des Goldes, das die Römer aus dem Tempel von Jerusalem entwendet hatten. Alarich hat den Schatz 410 nach Christus geraubt. Angeblich sei der Hort in Cosenza vergraben. Meinen Recherchen nach, ist das nicht der Fall. In einem meiner Manuskripte hatte ich Artus in einem Nebensatz erwähnt und mir die Frage gestellt, ob er gelebt hat und wo. Ich bin aufgrund meiner Sprachkenntnisse auf Fehler in der Interpretation des Keltischen gestoßen. Mit den so vorliegenden Namen und Ortsangaben habe ich den King in der Bretagne verortet, die genaue Anzahl der Sirs an der Tafelrunde errechnet und die Standorte von Camelot sowie der Gralsburg ermittelt. Ein Beispiel ist der Riese YSBADADDEN. Aus meiner Sichtweise Osbad von Taden (ein Ort im Norden der Bretagne). Das Sachbuch mit den Fakten ist in Arbeit.“

Warum ist es wichtig, etwas wie Geschichte am Leben zu halten?
Dietz: „Wer die Geschichte nicht kennt, ist ein Spielball im Machtkampf der Politik. Nichts ist ohne Ursache und jede Handlung hat eine Auswirkung auf die Zukunft. Ich behaupte, ohne Artus keine Weltkriege und ohne den Schatz der Goten kein Europa.“

Mit welchen aktuellen Projekten sind Sie beschäftigt?
Dietz: „Wie erwähnt, entsteht das Sachbuch zu Artus und gleichzeitig wird der Weg der Diener des Goldes weitergehen. Vor Halloween 2022 wird es eine Neuauflage des »Geisterfestungsfestes« geben.“

„Das Geisterfestungsfest“ von Pierre Dietz ist ein Jugendbuch, das ins 15. Jahrhundert entführt, wo ein Waisenjunge mit der Welt der Geister in Berührung kommt. Im Buch befinden sich zahlreiche Illustrationen, im Anhang Erläuterungen des Festungswesens.

Ihre Vision für unsere Kultur?
Dietz: „Unsere Kultur ist dem Untergang geweiht. Das hat es im Laufe der Geschichte wiederholt gegeben und ist nicht aufzuhalten.“

Beitragsbild: Pierre Dietz |Foto: Ingrid Ruch

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