„Die griechische Mythologie warf lange Schatten auf sie“

Kaiserin Elisabeth. Landläufig die „Sisi“. So sehen in ihr viele eine Kaiserin zum Anfassen. Doch war sie sehr freiheitsliebend und facettenreich. Welch ein Segen waren ihr Möglichkeiten, dem höfischen Korsett zu entkommen. In die Ferne zu schweifen. So begab sie sich gerne auf Reisen. Eine ihrer faszinierendsten Destinationen fand sie in Griechenland. Der Wiener Kulturanthropologe und Politologe Stefan Haderer begibt sich in seinem historischen Sachbuch „Im Schatten Homers. Kaiserin Elisabeth in Griechenland“ auf die Spuren dieser kaiserlichen „Odyssee“ und erzählt darüber im KULTURTODATE-Interview.

Was steht hinter dem Titel „Im Schatten Homers“?
Haderer: „Konstantin Christomanos, der berühmte griechische Vorleser von Kaiserin Sisi, wollte noch vor ihrer Ermordung ein Buch publizieren mit dem Titel Unter der Sonne Homers. Ich dachte mir, Im Schatten Homers wäre doch viel passender! Elisabeth war eine tragische Figur, die schließlich zu einem Schatten ihrer selbst wurde. Und Homer war einer ihrer Lieblingsdichter. Die griechische Mythologie warf lange Schatten auf sie, zog die Kaiserin quasi in den Bann.“

Was fazinierte die Kaiserin an Griechenland?
Haderer: „Ich glaube, sie hat sich mit dem Freiheitsdrang der Griechen stark identifiziert. Anfangs waren es die Ungarn, später dann die Griechen. Nämlich nicht nur die Helden der Antike – wie Achilles und Odysseus – sondern auch die Widerstandskämpfer der griechischen Unabhängigkeitsbewegung: Lord Byron, Capodistrias und viele andere.“

Wie kann man sich zum damaligen Zeitpunkt eine Reise nach Griechenland vorstellen?
Haderer: „Beschwerlich! Man muss bedenken, dass Griechenland damals touristisch nicht ausgebaut war. Athen wurde im 19. Jahrhundert als Provinzstadt bezeichnet, die Inseln waren wild und verfügten kaum über Infrastruktur. Man reiste mit dem Schiff, aber selbst das war mühsam, gab es doch strenge Quarantänevorschriften. Im Landesinneren beanspruchte Elisabeth Pferdewägen, Maultiere, oder sie marschierte zu Fuß. Sisis Reise in den Westen Griechenlands ist kaum jemandem bekannt, aber gut dokumentiert.“

Was gab Ihnen den Anstoß, sich dieser Thematik zuzuwenden?
Haderer: „Meine Tante lebt in Griechenland und zeigte mir einmal die Tagebuchblätter von Konstantin Christomanos. Seine Beschreibungen von Elisabeth fand ich wunderschön und inspirierend. Ich selbst habe Neugriechisch gelernt und bin oft nach Griechenland gereist. Mit der Zeit bin ich dann auf immer mehr Quellen gestoßen, die mir eine andere Elisabeth zeigten, als man sie von Filmen oder Serien kennt. Der Lockdown war eine Chance, diese Quellen zu verwerten. Mich faszinieren Elisabeths Freiheitsliebe und ihr Mut, sich gesellschaftlichen Zwängen zu widersetzen. Natürlich verdankte sie das auch dem Wohlwollen ihres Gatten und ihrer hohen Stellung.“

Autor und Kulturanthropologe Stefan Haderer unterwegs in Griechenland.

Welchen Bezug haben die Habsburger zu Griechenland?
Haderer: „Die Habsburger haben sich mit Griechenland arrangiert, als das Osmanische Reich zum Kranken Mann am Bosporus wurde. Franz Joseph konnte nicht viel mit Griechenland anfangen. Die Beziehungen zum griechischen König Georg waren aber immer freundlich-diplomatisch. Viel enger waren die Beziehungen zwischen den Wittelsbachern und Griechenland. Otto, ein Wittelsbacher, war der erste König des modernen Griechenlands. Er wurde abgesetzt. Das beobachteten die Habsburger natürlich mit Schrecken.“

Welche Erkenntnis hat Sie im Rahmen Ihrer Arbeit an dem Buch überrascht?

Haderer: „Elisabeth war in ihren letzten Jahren nicht die verhärmte, introvertierte Frau, als die man sie gern darstellt. Ihren zehn griechischen Vorlesern war sie sehr offen gegenüber. Sie hat diesen jungen Männern vielleicht mehr vertraut als so mancher Hofdame. Und sie hat einige dieser jungen Männer sicher auch verwöhnt und gefördert. Auch der Briefwechsel zwischen Franz Joseph und Elisabeth ist überraschend witzig und oft alles andere als langweilig.“

Warum scheint eine Figur wie Kaiserin Elisabeth nahezu ständig zu boomen?
Haderer: „Noch zu Lebzeiten ließ sich Sisi ab Mitte 30 nicht mehr fotografieren und schuf damit ihren eigenen Mythos. Nach dem 2. Weltkrieg hat Romy Schneider diesen Mythos dann neu interpretiert. Und jetzt ist es wieder die junge Sisi, die zum Beispiel auf Netflix ein Comeback feiert. Man spielt mit Klischees, die die Menschen verzaubern sollen. Nicht jeder macht da mit. Mein Buch erzählt eine andere Geschichte und stützt sich auf Fakten, nicht auf Wunschvorstellungen.“

Woher rührt diese scheinbar unbändige Reiselust der Kaiserin?
Haderer: „Die Reiselust war für Menschen in dieser Gesellschaftsschicht eine Selbstverständlichkeit. Bei Elisabeth war sie zum Teil familiär bedingt. Ihr Vater ging auf Reisen, da war Sisi gerade erst zur Welt gekommen. Sie kannte wohl seine Reiseerzählungen. Später wollte sie weg vom Wiener Hof. Noch später verreiste sie aus gesundheitlichen Gründen. Ein Zuhause mit viel Ruhe und Geborgenheit kannte Elisabeth nicht.“

Wäre Österreich heute noch eine Monarchie, dann…
Haderer: „… wäre vieles anders, aber nicht unbedingt besser. Wir leben im Jetzt und sollten besser nach vorne schauen als zurück. Die Schritte, die man heute setzt, werden sich auf künftige Generationen auswirken. Das betrifft insbesonders die Politik.“

Mit welchen aktuellen Projekten sind Sie beschäftigt?
Haderer: „Gerade arbeite ich an der englischen Übersetzung meines Buches. Das Interesse daran ist in Griechenland und vielen Ländern sehr groß.“

Das Buch „Im Schatten Homers. Kaiserin Elisabeth in Griechenland“ (NeoPubli Verlag, 2021, ISBN: 9783754157008) ist direkt beim Verlag, im Buchhandel, sowie direkt in den Shops Freytag & Berndt, SchatzkammerWien und Schloss Schönbrunn-Shop Wagenburg erhältlich.
Stefan Haderer betreibt mit Panopticum Light auch einen eigenen Blog, der sich als „Online-Blogmagazin für Kosmpoliten, Reisende, Kulturfreaks, Cineasten und alle neugierigen Blogerinnen/Blogger und Leserinnen/Leser weltweit“ versteht. Mehr als ein Blick lohnt sich.

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